Die digitale Welt frisst uns auf. So scheint es jedenfalls. Und so ist es nicht verwunderlich, dass der Begriff „Digital Detox“ durch das worldwideweb und die social media-Welt rauscht.
Ich gehöre ja der Generation an, die noch ohne Internet, ohne PC und ohne Handy groß geworden ist. Und ja, das funktioniert.
Was heute Alltag ist, war früher schlichtweg nicht möglich. Digitales detoxen ist viel mehr, als nur eine Pause von Social Media und Co zu machen.
Gestern im Bus:
Ich sitze im Bus – ziemlich weit hinten. Ich blicke auf die anderen Fahrgäste. 90% der Fahrgäste glotzen in ihr Handy. Der eine tippt, der andere scrollt, ein weiterer hat den Kopfhörer auf. Die Musik läuft so laut, so dass ich es auch noch höre. Und mein netter Sitznachbar telefoniert fröhlich mit seinem Kumpel über Lautsprecher. Dabei hält er sein Handy direkt vor seinen Mund als möchte er gleich reinbeißen.
Ich blicke angestrengt aus dem Fenster. „Herrgott noch mal. Legt doch endlich mal das Handy weg.“, denke ich mir.
Ich kann mich erinnern, als ich als Jugendlicher in München mit der U-Bahn gefahren bin. Da gab es das alles noch nicht. Entweder es war still oder die Menschen haben sich unterhalten. Sich gegenseitig beobachtet. Oder nur in die Luft geschaut. Irgendwie war das auch schön.
Heute brauchen die Menschen schon eine App zum Atmen. Dabei starren sie auf ihre Uhr, beobachten, wie sich der blickende Kreis darauf füllt und versuchen im Takt zu atmen.
Was ist denn da los?? Atmen geht von ganz alleine! Bewusst – oder wie es heute heißt – achtsam atmen auch! Ganz einfach: Handy weg. Tief einatmen – in den Bauch – und am besten wieder ausatmen. Sonst kriegt man irgendwann ein Problem.
Geht das heute nicht mehr selbstständig? Ohne Handy? Ohne Anleitung? Einfach Atmen!
Aber digitales Detox ist so viel mehr.
Wir beschweren uns darüber, dass die Welt „so schnell“ geworden ist. In Wirklichkeit ist nicht die Welt schnell geworden. Wir sind einfach unfähig geworden selbstständig zu entschleunigen.
Qualitiy-Time bekommt hier eine ganz andere Bedeutung. Denn Quality-Time bedeutet für mich, dass ich mich nicht abhängig davon mache, immer erreichbar zu sein oder immer auf dem aktuellen Stand zu sein.
Ich folge keinen Trends, halte es nicht für nötig immer erreichbar zu sein und mein Handy bleibt auch oft mal einfach liegen. Das ist digitales Detox. Ich lass mich nicht immer beschallen. Sondern mag die Stille.
Meinem Chef hab ich gleich zu Anfang gesagt: Urlaub oder Krankheit ist Abwesenheit. Und wenn ich ausgestempelt habe, bin ich auch nicht mehr erreichbar. Während er es bei anderen Kollegen ausnutzt, dass sie eben diese Grenze nicht gezogen haben, wagt er es bei mir nicht, sich außerhalb dieser Zeit zu melden. Da würde er ohnehin auf Beton stoßen. Freizeit ist Freizeit. Man hat ja eigentlich auch ein Privatleben.
Jetzt werden einige sagen: „Aber ich muss doch….“. Nein! Ich muss gar nichts! Der Job besteht aus zwei Parteien. Der eine zahlt das Gehalt. Der andere gibt dafür seine Arbeitskraft innerhalb dieser 40 Stunden. Fertig. Home-Office ist kein Freifahrtsschein für den Chef. Ein Firmenhandy auch nicht. Eingestempelt: Arbeiten. Ausgestempelt: Freizeit. Fertig.
Mein Mann und ich füllen unsere Freizeit nicht mit dem Blick aufs Handy, sondern mit Tischtennis, Dart, Spaziergängen, Fahrrad fahren (nein, kein E-Bike) oder unseren Pflanzen auf der Terrasse. Ach ja: und wir kochen! Das ist diese Sache, wo man Lebensmittel klein schnippelt und dann den Kochtopf tatsächlich auf dem Herd stellt und mit dem Löffel umrühren muss.
Und wir schauen uns auch in die Augen, wenn wir uns unterhalten. Wir lachen miteinander, nicht über einen Beitrag auf socialmedia. Wir teilen Zeit miteinander, nicht Beiträge von diesen digitalen Plattformen.
Wir brauchen nicht alles zu fotografieren, weil wir es einfach mit unseren Sinnen wahrnehmen, was uns umgibt. Und wir machen keine Selfies, um es anschließend auf social media zu posten. Das funktioniert bei jemanden wie mir sowieso nicht. Ich hasse das. Wenn ich ein Selfie mache, schaue ich in die Kamera wie ein geschocktes Huhn. Das ist kein echtes Lächeln. Das ist keine echte Freude. Und somit nicht mein Ding.
Ständig digital online zu sein bedeutet, Lebenszeit zu verschwenden. Nicht aktiv am Leben teilzunehmen. Das Leben ist ja ohnehin schon kurz genug. Gerade war ich noch 14, hatte grüne Haare, Cowboy-Stiefel und ein Schulranzen. Und zack ist es 2026, werde in zwei Monaten 50 und komme gerade in die Wechseljahre. Wahnsinn! Was soll ich denn da noch meine Zeit mit digitalem Zeug verschwenden?
Ganz ehrlich: Es ist möglich von dieser ganzen virtuellen Welt Abstand zu nehmen. Das Leben ist auch ohne diese Scheinwelt sehr schön. Gut. Politik und Wirtschaft, Benzinpreise und Miete sind zum kotzen. Das geb ich ja zu.
Trotzdem kann man das Leben wirklich versuchen zu genießen und wahrzunehmen. Mit allen Höhen und Tiefen. Das Leben hat ja nun mal auch Tiefen. Mir gefallen die Tiefen auch nicht. Aber das gehört einfach dazu. Und es macht absolut kein Sinn, sich die Probleme wegzuscrollen.
Probier das einfach mal aus. Du wirst sehen: Man kann ohne App atmen. Es ist eine echte Entlastung nicht ständig in das Handy zu glotzen. Nicht nur für den Nacken. Echte Freunde befinden sich nicht in der virtuellen Welt. Das sind die, die da sind, wenn es einem schlecht geht. Die einen in den Arm nehmen und nicht nur sagen „Fühl dich umarmt“.
Das echte Leben findet hier statt.
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