Gerade befinde ich mich in Bosnien-Herzegowina.
Genauer gesagt in der Stadt Bijeljina. Ich bin bereits das dritte Mal hier. Mein Mann kommt aus dieser Stadt und hat dort ein Haus.
Naja Haus… Es ist das Elternhaus. Es ist alt, feucht, schimmlig. Ein Haus aus ärmlichen Verhältnissen, das dem Verfall geweiht ist.
In den ersten Tagen haben wir nur gelüftet, geräuchert, getrocknet, gewaschen. Es sah aus, als hätte es durch die Decke geregnet.
Es ist nicht das, was man sich im Urlaub wünscht. Es ist jedoch, wie es ist. Es könnte schlimmer sein.
Wenn man durch dieses Viertel geht, sieht man reiche, moderne Häuser. Man sieht allerdings auch direkt nebenan ärmliche Häuser. Leere, verlassene Häuser. Zerfallene Häuser. Man sieht Bäume aus manchen Häusern heraus wachsen. Man sieht Menschen, die wohl ganz gut verdienen oder zumindest gut über die Runden kommen. Andere wiederum sind arm. Oft haben sie keine Zähne. Das sieht man oft. Oder sie sind außergewöhnlich schmutzig. Und es gibt welche, die sich scheinbar wochenlang nicht waschen oder Kleidung wechseln. Eine Duftfahne hinter sich herziehend.
Aber was hier „normal“ ist, steht mir nicht zu zu beurteilen. Die Gegensätzlichkeit könnte nicht größer für mein deutsches Auge und Empfinden sein.
Es macht mich so wahnsinnig nachdenklich und ich bin hin und her gerissen in meiner Wertung, was ich eigentlich am Schönsten und was ich am Schlimmsten finde.
Bijeljina. Eine Stadt, die alles vereint und zweckmäßig ist. Sowohl für Menschen, die genug Geld zum Leben haben. Aber auch für die, die wenig bis gar nichts haben.
Die Stadt ist schmutzig – irgendwie grau. Es gibt moderne Supermarktketten und kleine Läden. Es gibt Menschen, die auf der Straße verkaufen. Es gibt Kinder die zum betteln in die Restaurants kommen. Es ist eine Stadt, in der Schwarzarbeit geduldet wird und Korruption selbst in Behörden ein offenes Geheimnis ist.
Wir waren in einer Behörde, weil wir eine Rechnung bezahlen mussten. Das kostete eine Gebühr. Die Dame verlangte 3 Mark Gebühr. Auf der Quittung standen allerdings nur 20 Pfennig Gebühr.
In der Innenstadt verkauft eine alte Frau billiger Zigaretten. Die Polizei duldet das. Gleichzeitig stehen Männer an den Straßen zum Geld wechseln bereit.
Eine Taxifahrerin, ohne Lizenz, fährt eine Bekannte zum Busbahnhof. Einer putzt gegen Bares die Grabsteine. Ein anderer bringt das Holz zum Haus heizen.
Man kann fast jeden gegen Entgelt für etwas beauftragen, wenn man möchte.
Handwerker ohne Rechnung. Zu jeder Tages- und Nachtzeit.
Außerhalb der Stadt gibt es aber auch unheimlich schöne Ecken. Die Natur ist sehr schön. Der Fluss Drina war mein Highlight. Ein bisschen Stille und Wildnis. Keine Menschen. Keine Autos. Kein Lärm. Nur das Geräusch der Strömung. Der Wind, die Vögel und ich.
Ein Ort zum Durchatmen.
Auch ein Ort der Etno-Selo genannt wird und den ich heute besichtigt habe, war sehr schön. Künstlich angelegt, aber sehr schön. Ein Minisee mit Brücken, Schwänen und kleinen Gebäuden. Auch dort ein Moment zum Durchatmen und abschalten vom Lärm und der Realität.
Im Gegenzug finde ich wohl das Schlimmste die Haltung und den Umgang mit Hunden und Katzen. Es gibt unglaublich viele Streuner. Sie sind schmutzig und hungrig. Oft krank oder irgendwie verletzt, wie ein entzündetes Auge oder ähnliches.
Oft stehen Hundehütten in den Gärten. Dort sind Hunde angebunden, allein, schmutzig, ungepflegt. Im Winter wie im Sommer. Sie bekommen Reste, haben oft kein sauberes Wasser.
Man möchte am liebsten diese Tiere alle retten. Kein bisschen soziale Kontakte für diese armen Tiere. Keine Fürsorge. Kein Schutz vor Hitze oder Kälte. Angekettet. Immer.
In Bosnien-Herzegowina ist das normal. Mir bricht es das Herz.
Für mich ist das eine andere Welt. Wie unterschiedlich Kulturen sein können.
Das erste Mal als ich das gesehen habe, habe ich geweint.
Heute sehe ich das. Aber weiß auch, ich kann nichts tun. Manchmal will ich einfach nur wegsehen. Aber nicht schweigen.
Dieser Text ist all den armen tierischen Seelen gewidmet, die mein Herz zum weinen bringen und ich ihnen einen lieben Menschen an einem guten Ort wünsche.


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