
Eine Stunde mehr Arbeit – und die Wirtschaft läuft wieder?
Warum Markus Söders Vorschlag mehr über Politik als über Ökonomie sagt.
Als Markus Söder vorschlug, die Deutschen sollten eine Stunde pro Woche mehr arbeiten, um die Wirtschaft anzukurbeln, klang das zunächst pragmatisch. Bodenständig sogar. Leistungsgedanke. Ärmel hoch. Problem gelöst.
Nur: So funktioniert Wirtschaft nicht. Und schon gar nicht Motivation.
Die Idee dahinter: simpel – zu simpel
Die Logik ist schnell erklärt:
Mehr Arbeitszeit bedeutet mehr Output. Mehr Output bedeutet Wachstum. Wachstum bedeutet Wohlstand.
Das Problem: Diese Rechnung geht nur auf dem Papier auf – und auch dort nur sehr kurz.
Produktivität entsteht nicht automatisch durch Zeit, sondern durch Strukturen, Prozesse und Rahmenbedingungen. Wer länger arbeitet, arbeitet nicht zwangsläufig besser. Oft arbeitet er einfach nur müder.
Wer würde tatsächlich profitieren?
Gewinner gibt es – nur nicht viele:
– Arbeitgeber, die kurzfristig mehr Leistung abrufen können, ohne Löhne zu erhöhen
– Politische Kommunikation, die Aktivität simuliert, ohne komplizierte Reformen anzugehen
– Haushaltsrechner, die minimal höhere Abgaben erwarten – theoretisch
Es ist ein Vorschlag, der oben wenig kostet und unten viel verlangt.
Und wer zahlt den Preis?
Die Liste der Verlierer ist deutlich länger:
– Arbeitnehmer, die real mehr leisten sollen – ohne garantierten Mehrlohn
– Teilzeitkräfte, für die „eine Stunde mehr“ oft keine Option, sondern eine Zumutung ist
– Pflege, Dienstleistung, Verwaltung, wo Arbeit nicht beliebig verdichtet werden kann
– Gesundheit und Motivation, die langfristig unter Dauerbelastung leiden
Besonders pikant: In vielen Bereichen fehlt nicht die Arbeitszeit, sondern das Personal. Mehrarbeit ersetzt keine fehlenden Fachkräfte.
Das eigentliche Problem wird elegant umgangen
Deutschland leidet nicht primär unter zu wenig Arbeitswillen.
Sondern unter:
– überbordender Bürokratie
– langsamen Genehmigungs- und Entscheidungsprozessen
-schlechtem Digitalisierungsstand
– falschen Anreizsystemen
Eine zusätzliche Stunde Arbeit löst davon exakt kein einziges.
Warum solche Aussagen trotzdem gemacht werden
Weil sie einfach sind.
Weil sie verständlich klingen.
Und weil sie Verantwortung verlagern: weg von Politik und System – hin zu den Einzelnen.
„Wenn es nicht läuft, müsst ihr halt mehr leisten.“
Das ist kein Wirtschaftsprogramm. Das ist Rhetorik.
Fazit
Die vorgeschlagene Stunde mehr Arbeit ist kein Hebel, sondern ein Placebo.
Sie beruhigt Debatten, aber sie repariert nichts.
Sie fordert unten Disziplin, ohne oben Reformen zu liefern.
Oder anders gesagt:
Wenn ein System hustet, hilft es nicht, die Menschen länger laufen zu lassen – sondern endlich die Ursache zu behandeln.
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