Wenn wir alle 100 werden – arbeiten wir dann auch bis 92?
Es ist wieder soweit.
Die Rente steht zur Debatte. Und wie zuverlässig wie der Tatort am Sonntag meldet sich Jens zu Wort.
„Wenn man 100 wird, kann man nicht mit Mitte 60 aufhören zu arbeiten.“
Ach Jens.
Theoretisch klingt das logisch.
Praktisch sitzt gerade eine 59-jährige Pflegekraft mit Bandscheibenvorfall auf ihrem Sofa und denkt sich:
„Ich werde vielleicht 100 – aber nicht in diesem Beruf.“
Das Argument ist simpel:
Lebenserwartung steigt
Also muss länger gearbeitet werden
Was in der Rechnung fehlt?
Nicht jeder wird 100.
Nicht jeder arbeitet im Bundestag.
Nicht jeder sitzt im klimatisierten Büro mit Pensionsanspruch.
Es gibt da draußen Menschen, die stehen um 4:30 Uhr auf. Seit 35 Jahren.
Und deren Knie hören mit 63 einfach nicht mehr auf Jens.
Die elegante Verschiebung
Spannend ist, wie geschickt das Thema gedreht wird.
Statt zu fragen:
Warum zahlen nicht alle in ein System ein?
Warum sind Beamte und Abgeordnete außen vor?
Warum ist Altersarmut real?
Fragen wir lieber: „Wollt ihr wirklich mit 67 schon Feierabend machen?“
Es ist leicht, über Lebensarbeitszeit zu sprechen, wenn:
– das eigene Einkommen nicht von Schichtarbeit abhängt
– der Arbeitsplatz kein Gerüst ist
– man nicht 40 Jahre schwere Lasten getragen hat
Lebenserwartung ist ein Durchschnitt.
Der Durchschnitt hat keine Bandscheibe.
Der Durchschnitt hebt keine Pakete.
Die eigentliche Frage
Vielleicht sollten wir nicht nur fragen:
„Wie lange können wir arbeiten?“
Sondern:
„Wie lange können wir gesund arbeiten?“
Und:
„Wer trägt eigentlich die Last des Systems?“
Denn ein System, das nur funktioniert, wenn Menschen immer länger funktionieren, ist kein stabiles System. Es ist ein Dauerlauf ohne Ziel.
Offfluencer-Gedanke zum Schluss
Die Debatte wird gerne moralisch geführt.
Wer früher in Rente will, gilt schnell als bequem.
Wer länger arbeiten soll, als vernünftig.
Aber Würde im Alter ist keine Faulheit.
Und Reform bedeutet nicht automatisch Verlängerung.
Vielleicht wäre die mutigere Frage nicht: „Wie kriegen wir euch länger ins Büro?“
Sondern: „Wie gestalten wir ein System, das gerecht ist?“
Bis dahin bleibt uns nur die beruhigende Gewissheit: Wenn wir 100 werden, können wir mit 92 ja immer noch anfangen, Yoga zu unterrichten.

