Gott sei Dank habe ich ja schon einige Lebensjahre hinter mir und diese Zeit und dieses Denken, das „Schwarze Schaf“ der Familie zu sein, überwunden.

Wie viele Male hatte ich gehört:
 „Schau mal, was dein Bruder alles geschafft hat. Er hat dies, er hat das. Er ist erfolgreich. Und nun macht er dies und jenes.“

Ich hab mich immer so klein gefühlt. Gerade in meinen Zwanzigern hatte ich immer das Gefühl, ich hinke hinterher. Ich bin nicht gut genug. Ich schaffe es nie, so „erfolgreich“ zu sein. So viel zu schaffen wie er.

Selbst als ich vor zehn Jahren, als ich 40 wurde, sagte: „Ich mache mich selbstständig“, hörte ich ein: „Ja bist du denn gut genug dafür? Schaffst du das?“

Nicht einmal da kam Anerkennung. Oder Vertrauen in mich.

Stattdessen – was ich immer mal wieder hörte, war: Das die Erwartung ausgesprochen wurde, dass ich als Tochter die Eltern zu pflegen hatte, wenn sie alt und gebrechlich würden. Viele Male wurden diese Erwartungen ausgesprochen. Bis ich selbst daran glaubte. Bis ich selbst Schuldgefühle entwickelte und eine Verantwortung verspürte.

Komisch, von meinem Bruder wurde das nie erwartet. Na – der arbeitet ja so viel. Der ist so weit weg…
Ja und wieder, auch noch zwanzig Jahre später: „Dein Bruder hat dies und jenes…“

Moment mal! – Zwischenzeitlich etwas schlauer – Ich habe mit 17 Jahren ein Kind geboren! Ich habe es groß gezogen! Ich habe immer gearbeitet! Eine Ausbildung nachgeholt! Ein Buch geschrieben! Mich selbstständig gemacht!

Was ist Erfolg?? Ist das kein Erfolg??

Und wer war immer da für den Vater in den letzten drei Jahrzehnten, wenn es brannte? Wer ist aktuell da für Mama, während sie fast gestorben ist und nun auf Intensivstation liegt?? Wer nimmt die vielen Kilometer auf sich, nur um mal einen gemeinsamen Tag mit dem Elternteil zu verbringen??

Ach ja: Das bin ja ich!

Also was ist „Erfolg“ wirklich?

Ist es Erfolg, wenn man nach Außen mit einem Haus, einer heißen Kutsche prahlen kann und mit Geld um sich werfen kann?

Ist es Erfolg, wenn man empathielos, materiell und oberflächlich wird?

Oder ist es Erfolg, wenn man einen Charakter hat? Wenn man versucht ein guter Mensch zu sein? Wenn man hilfsbereit und freundlich ist? Wenn man zufrieden ist, mit dem was man hat? Wenn man einfach nur glücklich ist?

Heute weiß ich: ICH bin NICHT das „schwarze Schaf“. Ich hatte einen anderen Start. Andere Bedingungen. Andere Prioritäten. Andere Werte.

Man muss nicht den Erwartungen anderer genügen. Man sollte sich zu einem guten Menschen entwickeln. Dankbar sein für das was man hat. Empathisch. Hilfsbereit. Zuhören. Und in der Lage sein zu lieben.

Was hilft mir ein Haus und Geld, wenn ich dafür ein Arschloch werde? Was nutzt mir all das Materielle, wenn ich dafür kalt werde – ohne jegliches Mitgefühl. Was hilft mir all das, wenn ich so oberflächlich würde, dass ich nur noch mich selbst sehen.

Der Preis ist mir zu hoch. Ich bin NICHT das „Schwarze Schaf“.



– – – – – – –

Dieser Artikel ist den Menschen gewidmet, die sich als das „Schwarze Schaf“ empfinden. Als „nicht gut genug“.

Bitte legt diese Last ab. Es macht das Herz schwer. Und nützt euch kein bisschen.

Wichtig ist es, glücklich zu sein. Man muss nicht den Erwartungen der anderen gefallen. Man muss selbst zufrieden sein mit sich.

Man sollte sich nicht mit anderen vergleichen, denn wie aus meiner Geschichte ersichtlich, konnte ich gar nie an der gleichen Stelle stehen wie mein Bruder, da ich sehr früh ein Kind geboren und zu versorgen hatte.

Seitdem ich das erkannt habe, habe ich diese Last abgelegt. Mein Herz ist leichter. Ich bin glücklich.

Mögest du auch diese Last ablegen und erkennen, dass du gut genug bist, so wie du bist.


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