Ich habe noch nie Perfektionismus angestrebt.
Was soll ich sagen? Ich bin einfach schlecht darin.
Perfektion besteht ja darin, seine eigene Unvollkommenheit abzulehnen oder bis zum Erbrechen eine Eigenschaft und ein Verhalten zu trainieren. Nach Außen zu glänzen.
Perfektionismus ist im Kern ein Kontrollmechanismus, nichts dem Zufall zu überlassen.
Uns wird in der Welt da draußen vorgelebt, immer schneller, höher, weiter nach Großem zu streben. Nach Erfolg, Geld, Anerkennung, Macht. Nach dem „Gesehen werden“. Während ich das so schreibe, muss ich an unsere Politiker denken. Oder noch schlimmer: Donald Trump und Elon Musk. Albtraum. Das sind für mich die Vorbilder, wie man nicht sein sollte. Da helfen das ganze Geld und der Erfolg nichts mehr. Ich habe nichts dagegen, dass sie erfolgreich sind. Doch ihre Arroganz und Abgehobenheit sind für mich Eigenschaften, die mir Übelkeit verursachen. Gut, dass ich niemals mit ihnen zu tun haben werde. Unsere Politiker verdienen auch zu viel. Wäre nicht schlecht, wenn sie für das Geld auch was für ihr Volk tun würden. Aber das ist ein anderes Thema.
Zurück zum Perfektionismus:
Die Wohnung soll perfekt und repräsentativ sein. Die Karriere ist nur was wert, wenn sich das auch im Geldbeutel bemerkbar macht. Ein schickes Auto. Man selbst kauft sich immer Marken-Klamotten, trinkt stylisch seinen Matcha im durchsichtigen Becher, damit auch jeder sieht, wie hip man ist. Das Gesicht: keine Falte zu sehen – egal wie alt man ist. Einfach „Perfekt“.
Und wenn etwas optisch nicht ganz so „perfekt“ erscheint, wird es – gerade im Social Media – mit einem „Filter“ wegretuschiert und inszeniert, um möglichst viel Anerkennung zu erhalten. Und genau diese glattgebügelten Persönlichkeiten erhalten Bewunderung, werden beklatscht, geliked und natürlich ordentlich „Para“ – also Geld, Moneten – einfach Cash aufs Konto.
Zurück in das „echte Leben“:
Manchmal sitze ich mit meinem Mann irgendwo in der Stadt, am Neckar und früher in Erding am Kronthaler Weiher. Eigentlich egal wo. Wir sitzen einfach da und beobachten die Leute.
Und: Nein, wir haben keine voyeuristischen Züge. Es ist einfach interessant.
Menschen sind so unterschiedlich. In ihrem Aussehen. In dem wie sie sich geben, wie sie sich bewegen. Ihr Lachen, ihre Gedanken, die man hin und wieder in ihrem Gesichtsausdruck lesen kann.
Manchmal denke ich mir: Das ist schon krass, wie unterschiedlich Menschen sind. Was sie wohl für eine Vergangenheit haben? Wie ihr bisheriges Leben wohl war? Sind sie glücklich? Welchen Ballast tragen sie mit sich? Durch welche Höhen und Tiefen sind sie gegangen? Was fühlen sie?
Wir sind so unterschiedlich. Und das macht es wahnsinnig spannend.
Ist es nicht viel interessanter, DIESEN Geschichten zu lauschen? Echte Geschichten über Freude und Leid mit echten Emotionen und Gedanken?
Ich finde das viel schöner und faszinierender, als all das Social Media Gedöns, in dem man das „Hecheln nach Anerkennung“ schon auf dem Foto oder Video sehen kann.
Das echte Leben und Authentizität:
Als ich mit 17 Jahren Mutter wurde, haben mir die selbsternannten „Supermütter“ oft mit ihren Blicken gezeigt, dass sie mich verurteilten. Wie konnte auch eine 17jährige eine gute Mutter sein? Sie ist ja selbst noch ein Kind.
Ich habe mir zwar damals gesagt: „Ihr könnt mich alle mal!“, aber dieses „ich bin nicht gut genug“ hat sich lange durch mein Leben gezogen. Gleichwohl hatte ich nicht den Willen mich „anzupassen“ und Perfektionismus anzustreben. Dafür war ich einfach viel zu bockig.
Wenn du mich nicht so magst, wie ich bin, dann geh. Das war mein Credo.
Es hat sich für mich richtig angefühlt. Und gleichzeitig habe ich weiterhin das „Kleinsein“ gespürt.
Heute weiß ich, dass es nicht an mir lag, sondern an meinem Umfeld.
Man muss gar nicht jedem gefallen. Nicht allen Menschen passt das, wenn man einfach seine Meinung frei raus sagt. Gut, es kommt natürlich auch immer auf die Wortwahl drauf an.
Authentizität bedeutet,
– man darf sagen, was man denkt.
– man darf sich kleiden, wie man sich wohl fühlt.
– man darf seine Gefühle zeigen und äußern.
– man muss sich nicht verstellen, um jemanden zu gefallen.
– man muss keine Normen und Erwartungen erfüllen.
Man darf einfach so sein, so wie man ist. Und wird akzeptiert, genau deshalb: Weil man ist, wie man ist.
Das ist enorm befreiend.
Perfektion finde ich nicht lohnenswert anzustreben.
Wir alle haben eine einzigartige Persönlichkeit, die es lohnt zu zeigen. Die es lohnt, auszuleben. Die einzigartigen Charaktere sind doch das, was eigentlich interessant ist an einem Menschen – wenn man Menschen wirklich auf Augenhöhe begegnen möchte.
Ich finde, man sollte diese Scheinwelt da draußen einfach mal loslassen.
Authentizität ist eine erstrebenswerte Charakterstärke. Zu sich selbst stehen. Sich nicht verbiegen lassen, nur um jemanden zu gefallen. Nein.
Es ist ohnehin so: Kein Mensch ist perfekt.
Jeder hat Ecken und Kanten. Macken und Marotten. Eine eigene Vergangenheit. Eigene Gedanken. Unterschiedliche Lebensweisen.
Für mich jedenfalls ist es erstrebenswert jederzeit authentisch zu sein. Und mein Lebensziel besteht nicht darin, jemandem zu gefallen. Ich versuche einfach ein guter und freundlicher Mensch zu sein.
DAS finde ich WIRKLICH lohnenswert.
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