Gerade, als ich so meinen Artikel (9) zur Wut fertigstellte, poppte in mir eine Erinnerung auf. Eine Erinnerung, die Jahre her ist. Circa 15 Jahre. Und das möchte ich nun mal eben zu Papier bringen. Digitalem Papier, versteht sich.
Bei dieser Erinnerung fällt mir auf, dass ich doch tatsächlich einen echten Beitrag zur Aufklärungsarbeit leisten kann im Bezug auf toxische Menschen. Wer hätte das gedacht?
Es ist also ca. 15 Jahre her, da bin ich irgendwie in Lindau gelandet. Genau genommen hat mich der schwere Unfall meiner Tochter, die dort ihre Ausbildung startete, dort hin geführt. Beinahe wäre sie gestorben. Verblutet in ihrer eigenen Dienstwohnung, wenn sie nicht schnell mit dem Hubschrauber in ein Krankenhaus gebracht und notoperiert worden wäre. Aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls war es in diesem Fall gut, dass sie nicht bei mir wohnte.
Ich hatte ein kleines Appartement in der Krölstraße. Mit Blick auf den Bodensee. Und eine Schäferhündin namens Kassandra. Für mich war sie meine Kasi. Meine Beschützerin und Heldin.
Und wie das so ist als Single, ja, auch damals vor 15 Jahren schon, gab es Online-Portale, auf denen man andere Menschen kennenlernen konnte. Sogar meine damalige Chefin datete sich dort mit fremden Männern. Allerdings auf der exklusiven Plattform, für die sie hunderte von Euros monatlich zahlte. Gut. Jedenfalls empfand ich nichts Schlimmes dabei, dort Menschen kennenzulernen.
Und natürlich lernte ich auch einen interessanten Mann kennen. Er hieß B. Aber aus Datenschutzgründen nennen wir ihn lieber „Darth Vader“.
Auf den Bildern sah er wirklich sehr ansehnlich aus. So ein bisschen Macho. Vielleicht sah er auch „böse“ aus, aber das Lächeln hat diese Seite verborgen. Ziemlich schnell tauschten wir Telefonnummern aus und telefonierten jeden Tag. Ungefähr eine Woche ging das so. Bis es Wochenende wurde.
Da ich nicht wollte, dass er zu mir kommt, entschied ich zu ihm zu fahren. Zusammen mit meinem Hund. Nach Stuttgart. Ich sag euch – das ist gerade eine komische Situation: ich sitze meinem Ehemann gegenüber, der wirklich sehr lieb ist – und packe in Gedanken diese dunklen Geschichten aus….
Zurück zu Darth Vader.
Als ich nun endlich vor seinem Haus stand… eigentlich war es ein Hochhauskomplex, das nicht gerade sehr einladend aussah, war mir eh schon komisch. Und als ich dann vor ihm stand, musste ich genau hinschauen… jaa, das waren wahrscheinlich nicht die aktuellsten Fotos, die er ins Netz gestellt hatte…
Nun ja. Wir hatten ja sehr nette Gespräche am Telefon, also lief ich nicht schreiend davon, sondern trat ein. Nun sah ich seine Arme. Völlig vernarbt. Geritzt. Da bekam ich einen intuitiven Stich in meine Magengrube und spätestens jetzt hätte ich schreiend rennen sollen. Aber mein Glaube an das Gute war größer. Und die Erinnerung an die netten Telefonate auch.
Als ich nun also 24 Stunden mit ihm verbrachte, wollte ich wieder nach Hause fahren. Doch als ich mich verabschieden wollte, sagte er spontan: „Ich komme mit.“ Punkt. Die Aussage hat mich so überrollt, dass ich nicht widersprach. Im Nachhinein frage ich mich selbst wieso. Das war so eine absurde Situation.
Jedenfalls packte er eine Tasche und stieg mit mir und meinem Hund ins Auto. Direkt am Montag dann suchte er sich Arbeit. Schwarz. Gut. Motiviert war er ja.
Aber zum Ende der Woche sollte es eskalieren. Ich holte Darth Vader von seiner „Arbeit“ ab. Hinten meine Kasi. Als wir dann kurz vor Zuhause in den Kreisverkehr fuhren, fing meine Kasi vor Aufregung an zu bellen. Darth Vader drehte sich um zu ihr und zum ersten Mal erlebte ich dieses „Böse“ in ihm. Er schrie sie an, als hätte sie ihn gerade gebissen. Vielleicht hätte sie das tun sollen…
Und in meiner Überraschung sagte ich zu ihm ganz ruhig: „Du brauchst sie nicht so anzuschreien. Sie versteht doch nicht, was Du sagst.“
Dann wurde es totenstill. Und kalt. Er sagte kein Wort mehr. Man spürte förmlich, wie sich die Energie im Raum in eine Eiseskälte wandelte. Doch er sagte kein Wort. Wir kamen zuhause an und gingen nach oben in die Wohnung.
Dann ging es los.
Es war bereits abends und draußen war es dunkel. Nicht viel dunkler als die Stimmung im Raum. Es war zappenduster. Er beschimpfte und beleidigte mich und machte mir so eine wahnsinnige Angst, dass ich feststellte: Ich kann unmöglich neben dieser Person schlafen.
Er sagte: „Du fährst mich morgen nach Hause!“. Gut. Wenn da nicht mein Putzjob samstags gewesen wäre. Ich war gefangen. Einerseits wollte ich, dass er so schnell wie möglich verschwindet, andererseits konnte ich ihn nicht loswerden, weil ich ja zum Arbeiten gehen musste.
Er wurde immer lauter und wütender und mein Kopf arbeitete und suchte neben der Angst eine Lösung. Wie kam ich da raus? Ich nahm meine Hündin als Vorwand raus zu gehen. Gleichzeitig hatte ich schon Angst um meine Wohnung. Er nahm mir den Schlüssel weg und sperrte von innen zu.
Immer wieder versuchte ich das „Gassi gehen“ als Vorwand zu nehmen, um da raus zu kommen. Tatsächlich musste ich ja wirklich nochmal raus mit ihr. Er wurde immer wütender. Plusterte sich vor mich auf. Face to face. Und schmiss wütend meinen Schlüssel auf den Boden vor mich.
Meine Kasi stand immer wieder zwischen uns und man spürte, wie sie mich beschützte. Wer weiß, was ohne sie noch passiert wäre an diesem Abend…
Ich schnappte mir meinen Schlüssel, meine Hündin und bevor ich noch aus der Tür war, warnte er mich: „Wenn du zur Polizei gehst, bring ich dich um!“
Ich ließ die Tür von außen zufallen. Zusammen mit meiner Hündin sprang ich ins Auto und ich sah ihn vom Balkon zu mir runter sehen. Natürlich fuhr ich direkt zur Polizei. Und stürzte panisch in die Wache und bat sie um Hilfe. Offenbar hatten sie eh nichts zu tun und so saßen sie um mich, während ich erzählte, was passierte und wie viel Angst ich hatte.
Einer der Beamten rief sogar die Ärztin, die Bereitschaft in dieser Nacht hatte. Doch hatte sie offenbar so einen festen Schlaf, dass selbst sie den Notruf der Polizei verpennte. Ständig klingelte mein Handy und auf meinem Anrufbeantworter hörten wir gemeinsam die Stimme von Darth Vader:
„Tina, wo bist du? Ich mache mir Sorgen!….melde dich!… ruf mich an!… sag mir wo du bist!… Ich liebe dich!…..“
Ich weiß nicht mehr, wie viele Anrufe in diesen 30 Minuten von ihm kamen. Es waren viele. Sehr viele. Absurd. Natürlich war ihm klar, dass ich zur Polizei fuhr. Die Polizei entschied, dass sie diese Person aus meiner Wohnung entfernen wollten.
Wir fuhren mit zwei Dienstwagen und ich mit meinem Fahrzeug in Reih und Glied zurück in die Krölstraße. Sicherlich sah er das auch schon, bevor sich die Tür öffnete. Ich musste draußen im Hausgang warten. Meine Kasi auch.
Ich will euch nicht mit Details langweilen. Jedenfalls war er draußen. Ich war anschließend drinnen. Die Polizei verabschiedete sich. Erst einmal durchatmen. Mein Herz klopfte nach wie vor wie verrückt. Und in meinem Kopf wiederholte sich sein ausgesprochener Satz immer wieder: „Wenn du zur Polizei gehst, bring ich dich um!“
Plötzlich klingelte es Sturm und von unten kommend hörte ich plötzlich seine Stimme: „Lass mich rein! Lass mich verdammt noch mal rein!“
Panisch setzte ich mich vor die Wohnungstüre und stemmte mich mit meinen Beinen gegen die gegenüberliegende Wand. In der einen Hand das Handy, in der anderen das Festnetz-Telefon, rief ich wieder bei der Polizei an und schrie sie fast durch den Hörer an: „Er steht wieder vor meiner Türe! Bitte kommen Sie schnell!“
In Saus und Braus waren sie wieder da. Doch er war weg. Man kann sich vorstellen, wie ich geschlafen hatte. An der Tür lehnend, mit Telefon in der Hand. Bewaffnet mit einem Messer. Nur ein Auge schließend.
Doch auch am nächsten Tag tauchte er nicht mehr auf. Erst da fiel mir auf, dass all meine Buddhas am Fensterbrett weg waren. Gut. Einen Teil fand ich draußen auf der Straße wieder. Offenbar hatte er sie in meiner Abwesenheit runtergeschmissen. Und einen nahm er wohl als Trophäe mit. Sei es drum.
Viel schlimmer waren die Tage und Wochen und Monate danach. Angst war mein ständiger Begleiter. Bevor ich die Wohnung verließ, schaute ich erst aus allen Fenstern und dem Schlüsselloch. Wenn ich draußen war, drehte ich mich ständig in alle Richtungen. Bevor ich in die Nähe meiner Wohnung kam, schaute ich immer vorsichtig um die Ecke, aus Angst, er könnte vor mir stehen.
Ziemlich zeitnah wendete ich mich auf Empfehlung der Polizei an den „Weißen Ring“. Der „Weißer Ring e.V.“ unterstützt Opfer in allen möglichen Dingen. Und das war eine gute Entscheidung, denn aufgrund der Vorstrafen von Darth Vader kam es Monate später zu einer Gerichtsverhandlung. Dorthin begleitete mich der Mitarbeiter und damals Vorsitzende des Weißen Rings.
Lange Rede, kurzer Sinn. Er bekam seine Strafe. Er erhielt eine Geldstrafe, musste sich wöchentlich bei seinem Bewährungshelfer melden und musste zu einem Psychologen, den er regelmäßig aufsuchen musste. Die Richterin wiederholte die Strafe eindringlich mit dem Blick auf Darth Vader gerichtet:
„Haben Sie das verstanden? Wenn Sie nicht pünktlich die Strafe zahlen, gehen Sie ins Gefängnis. Wenn Sie nicht zum Bewährungshelfer oder Psychologen gehen, gehen Sie ins Gefängnis.“
Damit endete die Gerichtsverhandlung. Für mich dauerte es noch einige Zeit an, bis ich wieder zurück in den Alltag fand. Nicht mit weniger Angst. Doch irgendwann ließ diese Angst nach. Denn sein „Versprechen“ machte er nicht wahr. Er begegnete mir nie wieder.
…
Wenn du dich in so einer Situation befindest, oder je befinden solltest, hab keine Angst und keine Scham um Hilfe zu bitten. Es kann jedem passieren. Und man kann nicht alles alleine bewältigen.

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